Polizeistaat: Russisches IT-Unternehmen implementiert “emotionale Pre-Crime-Erkennung” in Überwachungskameras

Unsere Welt ist heute vollumfänglich kameraüberwacht. Es gibt wohl kein modernes Land der Welt mehr, das nicht in irgendeiner Form auf Überwachungstechnologien per Kamera setzt. Dabei werden die dahinterliegenden Systeme immer ausgefeilter und dadurch beängstigender. Die biometrische Identifikation der Bürger soll dabei noch mehr ausgeweitet werden. Man gewinnt den Eindruck, dass der Staat die “nächste Stufe der beispiellosen Verringerung der Privatsphäre” mit aller Macht vorantreiben will, wenn man von der Idee liest, dass die Polizei mit Echtzeit-Gesichtserkenungskameras ausgestattet werden soll. Immer unter dem Deckmantel des angeblichen “Kampfes gegen den Terrorismus”.

Doch hier hören die “Gedankengänge” von IT-Unternehmen (und dem Staat) noch lange nicht auf.

Während viele glauben, dass das russische VKontakte (VK) eine Alternative zu Facebook sei, weil keine US-Firma, so steht VK seinem US-Pendant in nichts nach. Im letzten Jahr wurde die Software FindFace der russischen Firma NTechLab auf der sozialen Plattform VK eingeführt. FindFace dient dabei der Identifizierung fremder Personen auf den Bildern, die man auf VK hochlädt. Sie soll eine Erkennungsrate von 70% besitzen und war sofort nach Einführung ein Erfolg, wie allein die 500.000 Nutzer in den ersten beiden Monaten zeigten.

Panoptisches Gefängnis zur leichteren Überwachung der Gefangene - Bildquelle: Wikipedia / Friman

Panoptisches Gefängnis zur leichteren Überwachung der Gefangene – Bildquelle: Wikipedia / Friman

Jetzt hat NTechLab bekannt gegeben, dass sie die “nächste Entwicklungsstufe” gemeistert haben. Ab sofort ist FindFace in der Lage anhand von “emotionalen Identifikatoren”, die Gefühlswelt des Menschen auf dem Bild zu erkennen. NTechLab behauptet, dass ihre Gesichtserkennungssoftware zu 94% mittels bestimmter “Marker” erkennen kann, ob der Mensch auf dem Bild gestresst, ängstlich oder wütend ist. Das Unternehmen sagt selbst, dass die Verbindung der beiden Technologien (Gesichts- bzw. Emotionserkennung) bestens für Überwachungskameras geeignet sei, um die Polizei bei der Erkennung von möglichen Verbrechen (Pre-Crime Detection) zu unterstützen. Es geht also darum, dass die eingesetzte Software in Echtzeit erkennt, ob der per Kamera Erfasste in den nächsten Momenten irgendwelche Straftaten (Gewalt gegen die Polizei, usw.) begehen wird.

Zwar hat NTechLab bislang nicht explizit erklärt, dass man mit der russischen Regierung zusammenarbeitet, um diese neue Technologie beispielsweise in die rund 150.0000 Überwachungskameras der Stadt Moskau zu implementieren, aber der Chef von NTechLab, Alexander Kabakov hat in einem Interview gegenüber dem Telegraph angedeutet, dass es in eine solche Richtung gehen kann:

Die Erkennung gibt uns ein neues Maß an Sicherheit auf der Straße, weil Sie in ein paar Sekunden Terroristen oder Kriminelle oder Mörder erkennen können.

(The recognition gives a new level of security in the street because in a couple of seconds you can identify terrorists or criminals or killers.)

Kabakov geht in dem Interview sogar darauf ein, dass es zu einer allgemeinen Akzeptanz der Vollüberwachung des öffentlichen Raumes mittels Kameras durch die Bevölkerungen gekommen ist und dass die Menschen bereit sind sich gegenseitig zu überwachen. Besser kann man die Menschen wohl nicht mehr konditionieren:

“Wenn in den Straßen keine Kameras wären, könnte ich verstehen, dass die Leute kleinere Bedenken haben könnten, aber jetzt haben wir an jeder Straße Kameras”, sagte er. “Wenn du in einem öffentlichen Raum bist, hast du keine Privatsphäre.”

Er fügte hinzu, dass die Erwartung der [Einhaltung der] Privatsphäre mit dem Aufkommen von Smartphones verschwunden ist. “Jetzt, mit den Smartphones, haben wir keine Privatsphäre mehr, weil die Telefone so viel über Sie wissen, einschließlich Ihr Verhalten und Ihren Aufenthaltsortes”, sagte er.

(“If the street didn’t have cameras I could understand people might have some concerns, but now on every street you have cameras,” he said. “If you’re in a public space, you have no privacy.”

He added that the expectation of privacy has disappeared with the advent of smartphones. “Now, with smartphones, we don’t have privacy because phones know so much about you, including your behaviour and location,” he said.)

Kabakov mag hier nur für Moskau sprechen, aber man könnte die gleichen Äußerungen auch für alle anderen größeren Städte der Welt treffen, denn überall wird der gleiche Weg der vollumfassenden Bevölkerungsüberwachung und -kontrolle beschritten.

Wir wissen, dass in den USA und auch in Deutschland “Pre-Crime-Systeme” getestet werden und dass beispielsweise das FBI fast die Hälfte der US-Bevölkerung in einer Gesichtserkennungsdatenbank erfasst hat, die im Geheimen aufgebaut wurde und in der 90% der erfassten Menschen keinerlei strafrechtliche Einträge haben.

The Intercept hat im Artikel Real-Time Face Recognition Threatens To Turn Cops’ Body Cameras Into Surveillance Machines geschrieben, dass die Wahrscheinlichkeit immer größer wird, dass diese Technologien bald Einsatz in den sogenannten “Körperkameras” der Polizei finden wird:

Die Integration der Echtzeit-Gesichtserkennung mit körpereigenen Kameras ist weiter als die Gesetzgeber und die Bürger realisieren. Eine kürzlich durchgeführte und vom Justizministerium finanzierte Umfrage, die von der Johns Hopkins University durchgeführt wurde, stellte fest, dass mindestens neun von 38 Herstellern von Körperkameras derzeit die Fähigkeiten der Gesichtserkennung oder eine Option für eine solche Technologie eingebaut haben, die später verwendet werden kann.

(The integration of real-time face recognition with body-worn cameras is further along than lawmakers and citizens realize. A recent Justice Department-funded survey conducted by Johns Hopkins University found that at least nine out of 38 manufacturers of body cameras currently have facial recognition capacities or have built in an option for such technology to be used later.)

NTechLab ist übrigens eine weltweit agierende Firma, die dementsprechend auch Kunden im sogenannten demokratischen Westen hat. Es dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein, bis diese Technologie auch bei uns Begehrlichkeiten weckt. Entweder durch NTechLab selbst oder durch ein Unternehmen, das eine ähnliche Technik entwickelt hat. Leider erkennen die Menschen nicht, was auf dem Spiel steht: nichts mehr als die persönliche Freiheit.

Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren. – Benjamin Franklin

In diesem Kontext sei auf einen einmal mehr sehenswerten und höchst informativen Vortrag von Prof. Dr. Mausfeld verweisen, den er am 1. Mai gehalten hat: Titel des Vortrags: Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert – Methoden, Wirkung und Hintergründe. Ein wahrer Augenöffner, den es gilt großflächigst zu verbreiten:


Quellen:
Russian Company Adds Pre-Crime Emotional Recognition Tech To Surveillance Cameras
FindFace App which uses facial recognition to identify strangers on social media makes Russia by storm
Emotion reading technology claims to spot criminals before they act
Miami’s ”HunchLab” Is Latest Police Move Toward Pre-Crime Detection
The FBI Has Secretly Gathered Millions Of “Faceprints” For Biometric Database For Years
REAL-TIME FACE RECOGNITION THREATENS TO TURN COPS’ BODY CAMERAS INTO SURVEILLANCE MACHINES
Zitate – Sprüche – Historische Personen


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