Pre-Crime: Wenn aus Fiktion Wirklichkeit wird oder Willkommen im Polizeistaat

Philip K. Dick schrieb 1956 die Kurzgeschichte The Minority Report, die 2002 mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt wurde. Wer die Kurzgeschichte bzw. den Film nicht kennt, hier ein kurzes Abriss:

Washington, D.C. im Jahre 2054: John Anderton arbeitet für die Abteilung Precrime der Washingtoner Polizei, die mittels Präkognition Morde verhindern soll. Ermöglicht wird dies durch die drei sogenannten „Precogs“ Agatha, Arthur und Dashiell. Sie werden mit Medikamenten in einem Zustand zwischen Traum und Wachen gehalten, der für ihre hellseherischen Fähigkeiten besonders günstig ist. In ihren Visionen sehen sie die Morde der Zukunft voraus. Die Namen von Täter und Opfer werden in Holzkugeln graviert. Auch der Zeitpunkt der zukünftigen Morde ist bekannt. Weiterhin kann die Polizei die Bilder ihrer Visionen heranziehen, um die (zukünftigen) Täter zu ermitteln. Diese werden verhaftet und ohne Prozess in „Verwahrung“ gebracht, einen künstlich herbeigeführten Zustand ständiger Bewusstlosigkeit.

Crime Scene - Bildquelle: Wikipedia / Yumi Kimura

Crime Scene – Bildquelle: Wikipedia / Yumi Kimura

Was für viele nach Science-Fiction und Hollywood klingt, wird derzeit real in den bayerischen Großstädten München und Nürnberg erprobt: Ein Projekt namens “Precobs” (man beachte die Ähnlichkeit zu “Precogs”) mit einer Software die Verbrechen “vorhersagen” kann/soll. Dabei beruht die Software auf Daten über Orte, Zeiten und andere Details von vergangenen Verbrechen (wie Einbrüchen) und sie versucht mit Hilfe dieser “Altdaten” und neuen Meldungen zu Verbrechen eine Analyse zu erstellen, wo der nächste potenzielle Tatort zu finden ist. Entwickelt wurde das System der “Vorhersagetechnik” durch das Institut für musterbasierte Prognosetechnik (IfmPt) in Oberhausen und hat laut dem bayerischen Innenminister Joachim Hermann “vielversprechende” Ergebnisse geliefert.

Zwar wird vereinzelt über dieses Projekt auch in den “Qualitätsmedien” berichtet, aber erfolgte dies meist in versteckten Bereichen, wie den Regionalteilen. Und dann natürlich weder kritisch, noch hinterfragend. Weder Datenschutzbedenken, Vorverurteilungen, Unschuldsvermutung oder die damit einhergehende Beweisumkehr werden andiskutiert – egal ob durch die Politik oder Medien.

Dabei sollte gerade Deutschland aufschrecken, wenn es um irgendwelche omnipräsente Geheimpolizeiorganisationen geht. Doch anscheinend gilt hier nicht die tägliche Dauerberieselung der deutschen Schuld.

Wobei sich Bayern in einer langen Liste von “Testern” befindet, die ähnliche “Vorhersagesysteme” prüfen:

  • Chigaco: 400 Menschen wurden dort durch einen Computer-Algorithmus “identifiziert”, obwohl diese bislang kein Verbrechen begangen haben und erhielten daraufhin Besuch von der Polizei..
  • Kalifornien: Zusammen mit dem Indio Poice Department entwickelt die University of California eine Computer-Rasterfahndung, die Vorhersagen ermöglichen soll, wo die nächsten Überfälle stattfinden. Dabei ist anzumerken, dass die Stadt Indio gerade einmal 75.000 Einwohner zählt und sich somit de facto keiner der Bürger einer Überwachung entziehen kann.
  • Arizona: Dort wird an einem sogenannten Mental Health Pre-Crime System gearbeitet, um Personen zu finden die sich “kurz vor einem mentalen Zusammenbruch befinden”. Dabei durchsucht das System medizinische Unterlagen, Waffenverkäufe und Online-Aktivitäten.

Doch der eigentliche Knaller ist die Zusammenarbeit der US Army mit der University of Virginia (ja, richtig erkannt, genau dort wo die NSA ihren Sitz hat):

Researchers at the University of Virginia funded by the U.S. Army recently demonstrated that they can not only gather information from your personal Twitter account just like the NSA, but also aggregate and analyze that information with advanced predictive algorithms designed to determine what you’re going to do next. In this case, the researches focused specifically on predicting crime by individuals, as well as in crime “hot spots” around the country.

Here’s the kicker. The algorithms being used don’t just look for obvious keyword phrases associated with criminal activity like “I’m going to kill you” or “meet me later and we’ll give him a beat down,” but focus in on routine activities, geo-location, and aggregate historical information to calculate the chance of a particular individual being involved in a crime at some point in the future.

A research paper published in the scientific journal Decision Support Systems last month said the analysis of geo-tagged tweets can be useful in predicting 19 to 25 kinds of crimes, especially for offenses such as stalking, thefts and certain kinds of assault.

[…]

Gerber said even tweets that have no direct link to crimes may contain information about activities often associated with them.

[…]

“The computer algorithm learns the pattern and produces a prediction.”

The study was funded by the US Army, which Gerber said uses similar techniques to determine threats in places such as Iraq and Afghanistan.

Auf deutsch:

Forscher an der University of Virginia, die von der US Army finanziert werden, haben kürzlich gezeigt, dass sie nicht nur Informationen von persönlichen Twitter-Accounts wie die NSA sammeln, sondern diese Informationen auch mit fortschrittlichen prädiktiven Algorithmen aggregieren und analysieren können. Algorithmen, die entwickelt wurden, um festzustellen, was jemand als nächstes tun wird. In diesem Fall konzentrierten sich die Untersuchungen speziell auf die Vorhersage von Verbrechen ausgeübt von Einzelpersonen, aber auch auf Kriminalitäts“hotspots” im ganzen Land.

Hier ist der Knaller. Die verwendeten Algorithmen suchen nicht nur nach offensichtlichen Schlüsselwörtern und Phrasen, die man mit kriminellen Aktivitäten, wie “Ich werde dich töten.” oder “Wir treffen uns später, und wir werden ihm einen Schlag verpassen.”, verbindet, sondern sie konzentrieren sich auf Routinetätigkeiten, Positionsbestimmung und der Aggregation historischer Informationen, um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, ob ein bestimmtes Individuum in einem Verbrechen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft beteiligt sein wird.

Ein in der Fachzeitschrift Decision Support Systems im letzten Monat veröffentlichter Forschungsbericht, besagte, dass die Analyse von Tweets mit Geo-Informationen nützlich bei der Vorhersage von 19 bis 25 Arten von Straftaten sein kann, insbesondere für Straftaten wie Stalking, Diebstähle und bestimmte Arten von Angriffen.

[…]

Gerber sagte sogar, selbst Tweets, die keine direkte Verbindung zu Verbrechen haben, können Informationen über die Aktivitäten, die oft mit ihnen verbunden sind, enthalten.

[…]

“Die Computer-Algorithmus lernt das Muster und erzeugt eine Vorhersage.”

Die Studie wurde von der US-Armee finanziert, die laut Gerber ähnliche Techniken in Ländern wie dem Irak und in Afghanistan einsetzen, um Bedrohungen zu bestimmen.

Wenn das nicht einmal jedem Polizeistaatsliebenden nicht feuchte Träume bereitet, dann weiß ich auch nicht mehr. Es wird wohl nur noch eine Frage der Zeit sein bis solche “Techniken” flächendeckend eingeführt und genutzt werden. Interessant ist für mich in diesem Zusammenhang auch die versuchte Ausweitung der PKW-Maut und die dann mögliche Nutzung der derzeit “offiziell” direkt nach Erfassung gelöschten PKW-Daten auf den Mautstraßen. Zusammen mit diesen Pre-Crime-Systemen ist damit der totalen Kontrolle und Überwachung Tür und Tor geöffnet.

Schöne neue Welt, oder?

Quellen:
Wikipedia – Minority Report
Berlin police mull crime-predicting software
Germany’s New Pre-Crime System Directly Modeled After “Minority Report”
Software gegen Wohnungseinbrüche: Precobs aus NRW soll Verbrechen verhindern
86 Prozent Trefferquote – Kommissar Computer: So will Bayerns Polizei Einbrüche vorhersagen
Pre-Crime Systems Now Actively Monitoring the Internet: “The Computer Algorithm Learns the Pattern and Produces a Prediction”


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