EU: Darf Schottland überhaupt unabhängig werden?

Flagge Schottland - Bildquelle: Wikipedia

Flagge Schottland – Bildquelle: Wikipedia

Am 18. September stimmen 5,2 Millionen Schotten über die Unabhängigkeit von Großbritannien und die Gründung eines eigenen Staates ab. Nach neuesten Umfragewerten scheinen die Aussichten der Befürworter für eine Ablösung ab dem Jahr 2016 gar nicht so schlecht zu stehen. So stieg der Anteil derjenigen, die mit “Yes” stimmen wollen von 39% (Anfang August) auf aktuell 51%. Signifikant ist dabei der Zustimmungssprung von Ende August um 4%. Sollte sich der Trend der letzten Tage fortsetzen, können die Befürworter mit einem knappen Sieg rechnen.

Doch ein solcher möglicher Sieg – nach den vorliegenen Umfrageergebnissen – hat nun die Gegner einer Unabhängigkeit Schottlands alarmiert und sie in regelrechte Panik versetzt. Erste Stimmen werden sogar laut, die ein Eingreifen der Königin von England einfordern.

Doch darf Schottland überhaupt eigenständig werden? Unabhängig von einem positiven Votum durch die betroffenen Bürger?

Dass sich die üblichen Mahner aus Wirtschaft, Lehre und Politik auf die Argumentationslinien Stellenabbau, Wirtschaftseinbruch, Währung oder Bedeutungslosigkeit eines Staates Schottland zurückziehen, war zu erwarten und ist die übliche Angstmacherei.

Denn geht es nicht wirklich um

  • die Sogwirkung, die durch eine positive Abstimmung entstehen kann? Eine Sogwirkung, die die Unabhängigkeitsbestrebungen im Baskenland, Katalonien oder Venetien stärken würden. Eine solches Erstarken wäre natürlich Gift für die Bemühungen Brüssels auf dem Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa (besser EUdSSR). Man müsste sich mit weiteren Staaten auseinandersetzen, mit noch mehr Verhandlungspartnern diskutieren und am wichtigsten: Kritiker eines solchen Gebildes VSE können berechtigterweise darauf hinweisen, dass selbst Großbritannien, trotz einer einheitlichen Sprache, einer gemeinsamen Kultur und dem selben Wirtschafts-/Sozialsystem, nicht in der Lage ist die verschiedenen Strömungen und Interessen im Land zusammen zu halten. Abgesehen davon dürfte sich dann mit Wales, der nächste Kandidat für eine Loslösung bereits in den Startlöchern befinden.
  • die Öl- und Gasreserven Großbritanniens, respektive der EU? Sie liegen zu 90% vor der schottischen Küste und entsprechen nach heutigem Wert eineinhalb Billionen Pfund. Darüber hinaus generiert Großbritannien durch die Steuereinnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft einen enormen Posten für ihren Steuerhaushalt. Zwar schwankt dieser Beitrag – je nach Ölpreis und Fördermenge – stark (2008/2009 12,4 Milliarden Pfund, 2013/2014 4,7 Milliarden), dürfte angesichts der Staatverschuldung Großbritanniens von 1,56 Billionen Pfund aber doch eine gern gesehene Einnahmequelle sein. Eine Einnahmequelle, die wohl auch die City of London ungerne verlieren würde, da die Reserven natürlich auch als Sicherheiten bei den Kreditvergaben eingesetzt werden und man bei einer Unabhängigkeit Schottland nur ca. 10% der Gesamtschulden “aufbürden” kann, aber gleichzeitig die Absicherungen durch die Öl- und Gasförderung zu einem Großteil abschreiben müsste.
  • die gemeinsamen Goldreserven von 310 Tonnen? Diese 310 Tonnen entsprechen 11,7% der gesamten Währungsreserven Großbritanniens, die bei einer Unabhängigkeit aufgeteilt werden müssten. Zieht man die Wirtschaftsleistung als Kriterium für eine Umverteilung heran, müsste sich London von 25 Tonnen (noch vorhandenen?) Goldes trennen und es den Schotten überlassen (ausgehend von 2,2 Billionen Euro BIP Großbritanniens für 2014 und einem Anteil Schottlands im Jahre 2013 von 177 Mrd. Euro). Doch bekanntlicherweise dürfte eine Überlassung große “Lieferprobleme” mit sich bringen, wie wir am aktuellen Beispiel der Repatriierung der deutschen Goldbestände aus New York gesehen haben. Selbst die gelieferten, aber umgeschmolzenen 5 Tonnen aus den USA scheinen nach Informationen von Insidern nur unter großen Schwierigkeiten von den USA aufgetrieben worden zu sein. Wie sieht es dann mit der fünffachen Menge aus, sollte sich Schottland nicht auf das Spiel der fortgeführten Lagerung in London einlassen?
  • die Atom-U-Bootflotte Großbritanniens, die nordwestlich von Glasgow in der Mündung des Flusses Clyde liegt? 160 Atomsprengköpfe befinden sich auf U-Booten, die dann einen neuen Hafen benötigen. Eine mögliche schottische Regierung lehnt den Verbleib von Atomwaffen in einem unabhängigen Schottland ab und London müsste einen Umzug teuer bezahlen. Geld, das Großbritannien nicht hat. Allein die Suche nach einer Alternative dürfte nach Ansicht von William Walker, Professor für internationale Angelegenheit an der Universität St. Andrews, zu einem “Milliardengrab” werden. Darüber hinaus haben bereits Kriegsnobelpreisträger Obama und die NATO ihre Bedenken angemeldet – was letztendlich einen positiven Ausgang des Referendums unwahrscheinlich werden lässt.
  • das gemeinsame Haus EU und die Gemeinschaftswährung Euro – auch wenn Großbritannien eine eigene Währung besitzt und eher als Bremsklotz in Sachen EUdSSR gilt? Die Folgen für das Haus EU sind nicht zu unterschätzen und wurden von mir bereits unter dem Punkt Sogwirkung angerissen. Was aber bedeutet eine Unabhängigkeit Schottlands für den Euro? Großbritannien lehnt es derzeit ab, dass das britische Pfund bei einer Loslösung gesetzliches Zahlungsmittel in Schottland bleibt. Bleibt als eine Alternative die Einführung des Euros, der jedoch in Schottland genauso unbeliebt ist wie im Rest Großbritanniens. Zwar müsste ein neues EU-Mitglied Schottland den Euro einführen, doch besteht neben Dänemark auch für Großbritannien eine Ausnahmeregelung bzgl. des Euros. Eine Ausnahmregelung, die sicherlich die Schotten – bei einer Ablehnung Londons für die Nutzung des Pfunds – einklagen werden. Und das wiederum würde eine Schwächung des Euros mit sich bringen. Höchstwahrscheinlich würden die “Märkte” das mangelnde Vertrauen in den Euro für Spekulationen gegen die Gemeinschaftswährung nutzen.
  • das britische Militär? Schottische Soldaten waren schon im Mittelalter “gern gesehene Söldner” in allen Herren Länder. Großbritannien schickte gerne schottische Infanterieregimenter als erste Einheiten in die Kämpfe, ob ihrer Tapferkeit und Loyalität – und dies gilt bis heute. Ein Wegfall der schottischen Einheiten würde eine weitere Schwächung der ausgedünnten British Army bedeuten, die seit Ende des Kalten Krieges um 100.000 Soldaten reduziert wurde. Ein unabhängiges Schottland will zudem eine eigene neue schottische Armee mit 15.000 Soldaten aufbauen.

Betrachtet man die aufgeführten Fakten, scheint es unwahrscheinlich, dass Schottland in die Unabhängigkeit entlassen wird. Zu viel steht für London, Brüssel und Washington auf dem Spiel, als dass sie einen eigenen souveränen Staat Schottland zulassen würden. Auch wenn sich derzeit die Umfragewerte pro Unabhängigkeit entwickeln, gehe ich davon aus, dass das Votum am 18. September knapp scheitern wird. Ähnlich der letztjährigen Bundestagswahl als die AfD knapp mit 4,7% scheiterte, wird auch das Referendum bei 49,x% stecken bleiben. Ob gesteuert, manipuliert oder der Wahrheit entsprechend, mag dann jeder für sich selbst entscheiden.

Quellen:
Schottlands Euro-Abenteuer
‘Yes’ campaign lead at 2 in Scottish Referendum
The Guardian view on the Scottish independence debate
Wäre ein unabhängiges Schottland EU-Mitglied?
Schottland bald unabhängig?
Großbritannien: Staatsverschuldung von 2004 bis 2014 (in Milliarden Pfund)
Schottland und der Nordsee-Schatz
Britische Goldreserven: Wie viele Tonnen gehören Schottland?
Abspaltung als Sicherheitsrisiko? Schottland-Referendum schafft Atomproblem
Das Eurosystem
Die Schotten – Englands Gegner und Reservoir.
Wikipedia – Royal Regiment of Scotland
Wikipedia – British Army
Votum über Unabhängigkeit: Briten drohen Schottland mit Verlust des Pfunds


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