Der „EU-Caesarismus“: Neigt sich Spenglers „Winter“ dem Ende zu?

Caesarismus – Bildquelle: Pixabay / Ichigo121212; Pixabay License
Der heutige Artikel ist ein etwas anderer Text als der sonst gewohnte. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass er Mehrwerte bietet und der eine oder andere Leser daraus etwas für sich „mitnehmen“ kann.
Vielen gilt bis heute das römische Reich als letztes „echtes“ Imperium. Meist sind dies Menschen, die sich mit der aktuellen Geopolitik, den USA oder dem EU-Konstrukt nicht beschäftigen wollen, um zu vermeiden Parallelen zu sehen. Im heutigen Artikel möchte ich versuchen das Ende des römischen Reiches mit der aktuellen Situation in Europa, respektive EU, zu vergleichen (insbesondere den Punkt Massenmigration) und werde mich dabei mit den Büchern, Thesen und Meinungen zweier Größen beschäftigen: Oswald Spengler und David Engels.
Und ja, es ist ein sehr umfangreicher Artikel und sicherlich nicht einmal ansatzweise abschließend.
Das Weströmische Reich zerfiel nicht plötzlich, sondern über mehrere Jahrhunderte (ca. 3. bis 5. Jh. n. Chr.) hinweg. Dabei spielten die Faktoren politische Instabilität (ständige interne Machtkämpfe), wirtschaftliche Probleme (Inflation, Steuerdruck), eine militärische Überdehnung, die Integration und Druck durch äußere Gruppen („Barbaren“), die zunehmende Migration nach Rom und eine schwindende Loyalität gegenüber dem Staat die wohl entscheidenden Rollen. Dabei ist anzumerken, dass das Jahr 476 n. Chr. nur symbolisch das „Ende“ Rom darstellt.
Wenn wir uns die aufgeführten Faktoren ansehen und einen direkten Vergleich mit der EU durchführen, stellen wir fest:
Politische Fragmentierung
Während es zum Ende Roms hin zu zahlreichen Machtkämpfen, kurzen Herrschaftszeiten und einer schwachen Zentralgewalt kam, sehen wir in der EU heute zunehmend größer werdende Spannungen zwischen Nationalstaaten und dem EU-Konstrukt sowie eine Polarisierung, Populismus und einen Vertrauensverlust in die entsprechenden EU-Institutionen. Ein sinkendes Vertrauen in politische Ordnung können wir in beiden Fällen erkennen, wobei nach offizieller Lesart ein Unterschied im zugrunde liegenden System genannt wird: In der EU haben wir ein angeblich demokratische Systeme, während Rom eine Autokratie darstellte.
Wirtschaftliche Ungleichheit
Hier müssen wir konstatieren, dass es in Rom eine große Kluft zwischen den Eliten und der Bevölkerung gab, mit einer großen Steuerlast auf die unteren Schichten. Es fand eine Konzentration von Land und Reichtum statt. Ganz ähnlich verhält es sich heute in Europa, wo eine wachsende Vermögensungleichheit, eine zunehmend unter Druck kommende Mittelschicht und regionale Disparitäten auftreten. Soziale Spannungen gab und gibt es in beiden Fällen, der Unterschied dürfte im Sozialstaat und der größeren Umverteilung in der EU liegen.
Migration
Rom hatte mit massiven Wanderungsbewegungen zu kämpfen. Diese unkontrollierte Aufnahme führte zu massiven Integrationsprobleme, obwohl sie aus militärischer Sicht (Rekruten) durchaus gewünscht war. Dass die heutige Migration aus Krisenregionen Teil des UN-Replacement Migration-Programms ist, weiß jeder Leser meines Blogs. Die damit einhergehende gesellschaftliche Überforderung führt in der Politik zu Pseudointegrationsdebatten. Sowohl in der EU als auch in Rom ist Migration als Belastungs- und Wandlungsfaktor zu bewerten, mit dem Unterschied, dass noch kein militärischer Zusammenbruch durch Migration in der EU erfolgte.
Militär und Sicherheit
Rom musste seine Grenzsicherung mit viel Geld aufrecht erhalten. Dazu wurde seitens Roms auf Söldner statt einem Bürgerheer gesetzt, was zu Loyalitätsproblemen führte. Die heutigen Außengrenzen von Europa werden de facto nicht geschützt. Gleichzeitig wurden Abhängigkeit von Bündnissen (NATO) geschaffen. Vordergründig wird auf eine lange Friedensphase hingewiesen, die zu sicherheitspolitischer Nachlässigkeit führte. Das Gefühl externer Bedrohungen ist in beiden Fällen zu nennen. Ein Unterschied ist jedoch, dass es technologisch und organisatorisch völlig andere Lagen sind.
Zwischenfazit
Die EU ist (noch) kein „Reich“, sondern ein Staatenverbund; es ist kein Imperium, sondern ein freiwilliger Zusammenschluss (auch wenn von immer mehr Teilen der Bevölkerungen offen abgelehnt) verschiedener Staaten, die rechtlich und wirtschaftlich vernetzt sind und sogar eine Austrittsmöglichkeit (z. B. Brexit) bieten. Die EU kann (noch) eine moderne Produktivität bieten, um globale Märkte zu bedienen. Zwar findet eine massive Verschlechterung im Bereich von Wissen, Bildung und Innovation statt, aber (noch) besitzt die EU strukturelle Mittel, sich neu zu erfinden – im Gegensatz zum damaligen Rom.
Ein Zerfall beginnt oft innerlich, nicht durch äußere Feinde. Eine stärker werdende Ungleichheit, politische Lähmung und Identitätskrisen sind riskant und das Damoklesschwert, das über der EU schwebt. Europa steht (noch) nicht „kurz vor dem Untergang“ wie Rom, aber Migration oder der kulturelle Wandel sind zerstörerisch. Diese von den Eliten gewollte und herbei geführte Transformationsphase muss klar benannt werden, weil sie von bewussten politischen Entscheidungen abhängt, die das Umsetzen, was die eigentlichen Machtstrukturen wollen.
Der Vergleich nach David Engels
Wenn wir uns nun David Engels zuwenden, erkennen wir ein deutlich zugespitzteres und kulturkritischeres Bild – gerade weil er den Niedergang Westroms systematisch mit der EU vergleicht. David Engels sieht Europa nicht einfach in einer Krise, sondern in einer strukturellen Spätphase, die der römischen Republik bzw. dem späten Imperium stark ähnelt.
Seine Grundthese besagt, dass sich Europa heute in einer Situation befindet, die der Endphase der römischen Republik und dem Übergang zum Imperium ähnelt. Nicht im Sinne eines unmittelbaren Untergangs, sondern als Erschöpfung einer Ordnung, die ihre eigenen Grundlagen verloren hat. Engels sieht den Verlust von Werten als gemeinsamen Nenner. In Rom kam es zur Erosion der römischen Tugenden (mos maiorum), mit einer formalisierten Religion, die nicht mehr identitätsstiftend war. Er erkennt in Rom zudem einen zunehmenden Zynismus gegenüber dem Staat und dem Gemeinwohl. Europas christlich-humanistische Grundlagen werden nach Engel heute geschwächt, ohne dass der verbindende Kern eines Wertepluralismus besteht. Für ihn ersetzt ein „Verfassungspatriotismus“ die kulturelle Identität der Menschen. Daher spricht er von einer kulturellen Entkernung der Völker/Menschen.
Im Kontext der Demografie spricht Engels für Rom von sinkenden Geburtenraten, der durch Zuwanderung ausgeglichen wurde, aber letztlich zu einer Entfremdung zwischen Staat und Bevölkerung führte. Europas dauerhaft niedrige Geburtenraten führen nach Engels zu einer strukturellen Abhängigkeit von Migration/Zuwanderung, was wiederum Parallelgesellschaften fördere und unterstreiche, dass die EU kein moralisches, sondern ein zivilisatorisches Problem habe.
Roms blockierte Institutionen sowie der Populismus gegenüber Eliten und Ausnahmezustände als Normalzustand stellt Engels der Entscheidungsunfähigkeit der EU, einer wachsenden Bürokratie und eine Politik, die reagiert statt zu gestalten, gegenüber. Er sieht darin die Vorstufe zu autoritären Lösungen.
Für Engels funktionierte die Integration von Migranten in Rom nur begrenzt, weil gleichzeitig die Loyalität zum Reich schwand, obwohl militärische und politische Schlüsselrollen für Nicht-Römer entstanden. Im heutigen Europa ist die Masseneinwanderung ohne eine klar erkennbare Assimilationsforderung für Engels ein Kernproblem. Identität wird als verhandelbar betrachtet. Kritiker und Warner werden dabei gezielt ausgegrenzt und es herrscht Angst, kulturelle Normen zu benennen. Engels betont in diesem Zusammenhang, dass nicht Migration an sich, sondern die fehlende Assimilation(sbereitschaft) entscheidend ist.
Engels Vergleich zwischen Rom und der EU bei der Sicherheitsfrage lässt sich als Zeichen einer postheroischen Gesellschaft zusammenfassen. In Rom verschwand das Bürgerheer, es kam zu einer Abhängigkeit von Söldnern und einer inneren Wehrlosigkeit. Ähnliches sei laut Engels heute in der EU feststellbar: eine militärische Abhängigkeit von den USA mit gleichzeitig pazifistischer Grundhaltung und einer geringen Opferbereitschaft.
Zwischenfazit
Engels spricht oft vom „Caesarismus“. Er erwartet keinen klassischen Kollaps, sondern vielmehr den lauten Ruf nach Ordnung durch die Bevölkerungen, die dann mittels einer stärkeren Exekutivmacht und dem Abbau demokratischer Verfahren zugunsten von Effizienz, den Übergang von der Republik zu einem Prinzipat (Augustus) gehen wird. Quasi von der „Demokratie“ zu „gelenkten Demokratie“, was Engels als „sanften Autoritarismus“ bezeichnet.
Wichtig ist dabei festzuhalten, dass Engels nicht sagt, dass Europa zwangsläufig untergeht und sich Geschichte mechanisch wiederholt, sondern dass Zivilisationen einem ähnlichen Muster folgen, bei der ohne eine kulturelle Erneuerung die Freiheit oft in Unordnung endet.
Europa steht laut Engels vor einer Wahl – entweder kulturelle Selbstbehauptung mit einer klaren Identität, einer kontrollierten Migration und einer Wertbindung oder imperiale Stabilisierung mit weniger Demokratie, mehr technokratischer Macht und gefühlter Sicherheit statt Freiheit. Für Engels ging Rom nicht unter, weil es schwach war –
sondern weil es nicht mehr wusste, wofür es stark sein sollte.
Der Vergleich Oswald Spengler mit David Engels
Oswald Spengler versteht Kulturen als organische Wesen mit einem festen Lebenszyklus aus Frühling (Entstehung einer Kultur [Mythos, Religion, Form]), Sommer (Entfaltung [Kunst, Philosophie, Staatlichkeit]), Herbst (Rationalisierung, Technik, Großstädte) und Winter (Zivilisation bei der die Demokratie ermüdet, Geld herrscht und schließlich Caesarismus einzieht). Für Spengler ist der Winter unvermeidlich, da der Mensch ihn nicht aufhalten kann, nur „würdig durchleben“.
Engels hingegen lehnt das Wintermodell Spenglers bewusst ab, weil er keinen Determinismus erkennen kann. Biologismus, Schicksalslogik und kulturelle Unausweichlichkeit, die Spengler im Winter erkennt, erwidert Engels damit, dass Geschichte Mustern folgt, die aber offen für Entscheidungen ist. Er spricht von einer „späten Phase“, nicht vom Ende der EU und benutzt gezielt Begriffe wie:
- Erschöpfung
- Spätphase
- Übergang
- Strukturkrise
Und vermeidet bewusst:
- Untergang
- Winter
- Tod
Weil für ihn politische Handlungsspielräume erkennbar sind, die Spengler ob des Determinismus ablehnt. Trotzdem sind Parallelen zwischen Engels und Spengler im Bezug auf das Ende der EU erkennbar, weil Engels viele Symptome beschreibt, die bei Spengler typisch für den Winter sind – ohne ihn so zu nennen.
Diese typischen „Winter-Symptome“ sind der demografische Niedergang, die Entwertung von Tradition, Technokratie statt Sinn, eine Massengesellschaft, das Sicherheitsbedürfnis als neues Freiheitsideal und der Ruf nach einer starken Exekutive. Phänomenologisch ähnelt das Spenglers Winter und deutungstheoretisch lehnt Engels nur die Endgültigkeit ab.
Zwischenfazit
Was wir heute durchleben sind Symptome, die Spengler klar dem Winter zuordnet, während Engels die Unabwendbarkeit nicht zwingend akzeptiert. Wir können in der heutigen Lage zahlreiche strukturelle Parallelen erkennen, ohne apokalyptisch zu werden, was uns näher an Engels bringt als an Spengler. Es ist eine Mischung aus beiden Denkrichtungen. Quasi Engels mit spenglerischem Sensorium oder anders gesagt: „Wir erleben winterliche Phänomene, aber leben noch nicht im Winter.“
Vielleicht trifft es besser, wenn wir von etwas sprechen wie:
- Spätherbst mit Frostnächten
- Übergangsjahreszeit
- Struktureller Spätzustand mit offenen Ausgängen
- Nicht das Ende – aber auch kein Neubeginn aus sich selbst heraus.
Die Migration als Trennendes zwischen Engels und Spengler
Für Spengler ist Migration ein unumkehrbares Zivilisationssymptom und kein rein politisches Thema, sondern ein organisches Zeichen des Winters. Die Völkerwanderungen waren/sind Symptom des Zivilisationsendes, Städte ziehen Fremde an, weil die Kultur innerlich leer ist. Eine Assimilation ist kaum noch möglich, weil die Kultur keinen Mythos mehr besitzt. Entscheidend für Spengler ist dabei, dass nicht die Zahl der Migranten das Problem ist, sondern dass die aufnehmende Kultur nicht mehr stark genug ist, um diese Aufnahme zu formen und zu leisten. Dieses Scheitern ist für Spengler irreversibel, weil Kulturen keine zweite Jugend bekommen und der „Faustische Mensch“ bereits Zivilisationsmensch ist, was wiederum die Rückkehr zur kulturellen Homogenität unmöglich macht. Migration ist bei ihm Folge, nicht Ursache.
Engels hingegen betrachtet Migration als politisch gestaltbaren Faktor und damit deutlich anders als Spengler. Migration ist für ihn kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen und daher prinzipiell steuerbar. Engels argumentiert dabei, dass Rom integrieren konnte, solange es wollte. Probleme entstanden erst durch fehlende Assimilationsforderungen der Urbevölkerung. Europa scheitere nach Engels nicht an der Migration, sondern an einer kulturellen Selbstverneinung. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Migration für Engels nicht per se irreversibel ist, sondern nur faktisch schwer umkehrbar, solange politische Tabus bestehen.
Für mich ist jedoch die gewollte Massenmigration ein irreversibler Vorgang, den Engels (im Gegensatz zu Spengler) systematisch unterschätzt. Demografie kennt Kipppunkte und ab einem bestimmten Anteil in der Gesamtbevölkerung wird Assimilation mathematisch unwahrscheinlich bis unmöglich; es entstehen zwangsläufig sich selbst stabilisierende Parallelgesellschaften, was zu einem Kippen des kulturellen Referenzsystems führt. Ich möchte dabei festhalten, dass dies kein moralisches Urteil, sondern ein strukturelles ist. Zudem ist Migration zeitlich immer asymmetrisch. Heißt, dass politische Entscheidungen sofort ihre Wirkung entfallen, ihre Rücknahme/Rückabwicklung aber Generationen braucht, massive Konflikte erzeugt und aufgrund der geschaffenen Tatsachen dann demokratisch kaum mehr mehrheitsfähig ist. Das macht Migration praktisch irreversibel, selbst wenn sie theoretisch steuerbar wäre.
Kultur wirkt langsamer, aber viel intensiver und festigender als Politik. Engels setzt stillschweigend voraus, dass eine kulturelle Renaissance schneller möglich ist als demografische Veränderungen wirken. Spengler hingegen erkennt, dass Demografie das Bewusstsein und Masse Ideen schlägt. Mein Instinkt folgt eher dieser asymmetrischen Logik.
Zwischenfazit
Ich denke, es ist sehr wichtig in diesen Fragen nicht spenglerisch im Sinne von „Alles ist verloren.“ zu denken, sondern struktural: „Ein Prozess hat einen Punkt überschritten, an dem Umkehr nicht mehr konfliktfrei möglich ist.“
Das ist für mich analytisch nüchtern, nicht apokalyptisch.
Engels bleibt bei seiner Betrachtung bewusst normativ (er will Gestaltungsspielraum), politisch anschlussfähig und optimistischer als seine eigenen Parallelen nahelegen. Man könnte zugespitzt sagen dass er spenglerische Symptome beschreibt, aber auf eine nicht-spenglerische Lösung hofft. Etwas, was es meiner Meinung nach nicht mehr geben wird, weil inzwischen unmöglich.
Europa auf den Weg in den Caesarismus
Die Strukturen in der EU sind auf eine neue Form des Caesarismus ausgelegt. Spenglers Arbeit stützt aus meiner Sicht diesen Gedanken – und zwar nicht nur intuitiv, sondern systematisch. Die Strukturen der EU sind in der Betrachtung dabei entscheidend, denn genau dort trennt sich für mich Analyse von bloßer Kulturkritik. Dabei müssen wir drei Ebenen unterscheiden:
- Was Spengler unter Caesarismus versteht
- Warum die EU-Strukturen tatsächlich caesaristisch kompatibel sind
- Wo Engels zögert – und warum mein Befund trotzdem tragfähig ist
Spenglers Caesarismus: kein Putsch, sondern Ermüdungsfolge
Für Spengler ist Caesarismus keine Ideologie, sondern ein Zustand, der eintritt, wenn demokratische Verfahren formell weiterbestehen, aber als ineffizient, unerquicklich, leer erlebt werden, was zu einer Politik zur Verwaltung von Krisen verkommt und wo Sinnfragen durch Sicherheitsfragen ersetzt werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass Caesarismus nicht gegen die Demokratie gerichtet ist und entsteht, sondern aus ihr heraus, weil die Massen Ordnung mehr schätzen als Mitbestimmung. Spengler hätte wohl gesagt: „Der Caesar kommt nicht, weil er stark ist, sondern weil alle anderen müde sind.“
Warum die EU strukturell caesaristisch ist
Nochmals: Die Strukturen in der EU sind auf eine neue Form des Caesarismus ausgelegt. Für mich ist das eine präzise Diagnose, keine Polemik. Denn wir sehen in der EU eine Exekutivlastigkeit mit einer EU-Kommission, die nicht direkt gewählt wird, eine enorme Regulierungsmacht besitzt und ein Initiativmonopol bei der Gesetzgebung hat. Ganz klassisch spätzivilisatorisch betrachtet heißt das, dass Verwaltung die eigentliche Politik ersetzt.
Zudem erleben wir heute eine Entdemokratisierung durch Komplexität. Entscheidungsprozesse sind für den Bürger kaum nachvollziehbar, die Verantwortlichkeiten diffus und nationale Wahlen ändern wenig an der EU-Politik. Spengler nennt das: „Die Herrschaft der Apparate über die Menschen.“
Dabei setzt die EU gezielt auf Dauerkrisen als Legitimationsquelle. Sei es die Eurokrise, die Migrationskrise, die Plandemie, die Sicherheitslage oder der angebliche Klimanotstand. Jede Krise rechtfertigt in den Augen der EU Kompetenzverschiebung nach oben, sie normalisiert Ausnahmezustände und entwertet parlamentarische Debatten. Aus meiner Sicht fast lehrbuchhaft caesaristisch.
Nicht zu vergessen der heutige moralische Universalismus der EU statt politischer Loyalität. Die EU legitimiert sich nicht über das Volk, sondern über selbst geschaffene „Werte“. Abweichungen gelten als moralisch defizitär, nicht politisch legitim. Frei nach Spengler: „Wo Moral herrscht, ist Politik bereits erschöpft.“
Aber nochmals zurück zum Vergleich Engels und Spengler im Kontext Caesarismus:
Spengler sieht im Caesarismus die Endphase. Caesarismus ist für ihn unvermeidlich, weil er eine gewisse Form der Stabilität bringt, die die Menschen (dann) wollen, auch wenn keine kulturelle Erneuerung damit einhergeht. Freiheit wird geopfert, ohne Drama und Widerspruch, fast freiwillig wie die Plandemie sehr gut gezeigt hat.
Für Engels hingegen ist Caesarismus eine Möglichkeit, kein Schicksal oder ein zwangsweises Ende. Caesarismus kann „sanft“, technokratisch, postdemokratisch sein und Engels sieht ihn eher als Reaktion auf den Zerfall, nicht als eigentliche Zielstruktur.
Ich würde aber einen Schritt weiter als Engels gehen. Nicht nur die Lage drängt zum Caesarismus – die Institutionen sind bereits darauf vorbereitet. Für mich ist das spenglerischer Realismus. Spengler hätte an der EU wahrscheinlich fasziniert festgestellt:
- kein Volk → kein Widerstand
- keine Armee → keine Verantwortung
- keine Kultur → keine Loyalität
- nur Funktion → nur Verwaltung
Er hätte das nicht als Versagen Einzelner gesehen, sondern als reife Zivilisationsform. Der Caesar der Zukunft trägt keinen Lorbeerkranz, sondern einen Geschäftsanzug.
Gesamtfazit
Wir haben mit der EU ein nach außen ganz schwaches Kontrukt, während es nach innen noch die volle Macht und Kontrolle besitzt. Daher sehe ich den EU-Typ des Caesarismus als technokratisch geprägt bis übergriffig werdend. Ein „EU-Caesarismus“ nach spenglerischer Lesart, nur eben technokratisch statt militärisch.
Die heutige EU ist nach außen schwach, hat keine militärische Schlagkraft, ihre diplomatische Autorität ist begrenzt und ihre Außenpolitik fragmentiert (z. B. unterschiedliche nationale Interessen, Abhängigkeit von NATO/USA). Gleichzeitig ist sie nach innen stark, weil sie große Kompetenzen durch die EU-Kommission, EZB und EU-Agenturen besitzt. Sie setzt gezielt Regulierung, Standardisierung und Überwachung als Steuerungsinstrument gegenüber den Einzelstaaten ein. Eingriffe in nationale Gesetzgebung, Wirtschaft, „Klimaschutz“ oder Migrationspolitik sind zum Standard geworden. Während der klassische Caesarismus im alten Rom militärisch stark und politisch dominant war, ist der „EU-Caesarismus“ eine „weiche Macht“: Verwaltung, Vorschriften, technokratische Kontrolle.
Die EU besitzt eine technokratische Prägung. Entscheidungen basieren nicht auf öffentlicher Legitimation, sondern auf Expertise, Algorithmen und Regeln; Parlamente werden zu Beratern oder Bestätigungsinstanzen und eine echte bürgerliche Kontrolle ist massiv eingeschränkt durch Komplexität und Fachsprachigkeit.
Dabei könnte man ausführen, dass „technokratischer EU-Caesarismus“ der Versuch ist, die Stabilität über Expertenwissen zu erzwingen, nicht über politische Legitimation. Oder dass die Masse Technokratie freiwillig akzeptiert, weil sie sich überfordert fühlt.
Die logische Folge aus beiden ist eine Übergriffigkeit der EU-Konstruktion. Einmal nach innen, wo Gesetze und Standards greifen, die tief in nationale Souveränität, Wirtschaft, Bildung und Migration vordringen. Es kommt zu übergriffiger staatlicher Kontrolle statt Dialog, wo Bürgerrechte formal (noch) gewahrt bleiben, aber praktisch unterlaufen werden. Letztlich kommt es zu einer normativen Überhöhung, in der moralische oder politische Begründungen Eingriffe („Werteunion“, „Rechtsstaatlichkeit“) rechtfertigen sollen
Um bei Spengler zu bleiben: Die Macht wächst, weil die Institutionen selbst überlebensnotwendig erscheinen – nicht, weil sie direkt autoritär geplant sind.
Ganz zum Schluss möchte ich nochmals den Bogen zum alten Rom schlagen, wenn wir den „EU-Caesarismus“ betrachten:
| Merkmal | Alte römische Form | EU-Form |
| Machtbasis | Militär, Loyalität des Volkes | Administration, Regulierung, Expertise |
| Außenwirkung | Stark, Eroberung | Schwach, diplomatisch begrenzt |
| Innenwirkung | Gesetzgebung & Exekutive konzentriert | Standardisierung & Kontrolle tief in Mitgliedsstaaten |
| Legitimation | Volk, Senat | Bürokratie, technokratische Rechtfertigung |
| Übergriffigkeit | militärisch-politisch | administrativ-technokratisch |
Letztlich kann man den „EU-Caesarismus“ in der momentanen Ausprägung als stabile Macht nach innen, schwache Position nach außen und als technokratisch statt persönlich bezeichnen.
Spengler würde wohl diese Form als Spätphase-Caesarismus analysieren, der nur an moderne Verhältnisse angepasst wurde. Engels hingegen würde noch hoffen, dass die technokratische Form durch politische Kontrolle oder kulturelle Selbstbehauptung gebremst werden kann.
Ich gehe noch einen Schritt weiter. Für mich ist eine Übergriffigkeit der EU/Regierungen (fast) zwangsläufig, weil Macht nach innen immer wächst, während außen keine Balance existiert. Wir befinden uns in der Endphase des jetzigen Systems und es liegt an uns, wie das neue aussehen wird. Lassen wir es zu, dass das Establishment ihre Vorstellungen realisieren kann oder erkennen wir, dass dem Winter immer ein Frühling folgt, den wir bestimmen können?
Quellen:
Wikipedia – Römisches Reich
Römische Reich
Historiker Prof. Engels: Die EU stirbt wie Rom! Gehen wir mit dem Imperium unter?
Wikipedia – Jahre der Entscheidung
SPENGLERS PHYSIOGNOMISCHE GESCHICHTSBETRACHTUNG
An introduction to Oswald Spengler’s ideas
Der Untergang des Abendlandes : Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, Spengler Oswald,
Ein Artikel bildet zwangsweise die Meinung eines Einzelnen ab. In Zeiten der Propaganda und Gegenpropaganda ist es daher umso wichtiger sich mit allen Informationen kritisch auseinander zu setzen. Dies gilt auch für die hier aufbereiteten Artikel, die nach besten Wissen und Gewissen verfasst sind. Um die Nachvollziehbarkeit der Informationen zu gewährleisten, werden alle Quellen, die in den Artikeln verwendet werden, am Ende aufgeführt. Es ist jeder eingeladen diese zu besuchen und sich ein eigenes Bild mit anderen Schlussfolgerungen zu machen.