China und Indien: Der Kampf um die regionale Vorherrschaft

Dieser Artikel wurde während der Auszeit von www.konjunktion.info erstellt und interessierten Lesern per Newsletter-Versand zugesandt.


Denken die Menschen an Krieg, dann verbinden Sie es noch vornehmlich mit Bomben, Soldaten und Waffen. Doch die heutige “Kriegsrealität” geht weit darüber hinaus. Denn auch Sanktionen, Hackerangriffe und Wirtschaftskriege sind Ereignisse, bei denen es um die geopolitische Dominanz geht, um die von wenigen Spielern auf dem “Weltschachbrett” gerungen wird. Auch wenn es der gemeine Bürger so nicht wahrnimmt, stecken wir mitten drin in solchen Konflikten aka neuen Kriegen – ohne dass ein Schuss gefallen ist oder dass Soldaten gegeneinander kämpfen.

Ein sehr gutes Beispiel dafür finden wir, wenn wir unseren Blick gen Osten nach Asien richten: ein ohne Waffengewalt geführter Konflikt zischen den ewigen Feinden China und Indien, die zwar auf einigen Ebenen (Stichwort BRICS oder die Shanghai Cooperation Organization [SCO]) kooperieren, aber bzgl. der wirtschaftlichen Dominanz in ihrer Region erbitterte Rivalen sind. Dass Indien und China zudem immer wieder aufgrund Grenzstreitigkeiten in der Region Kashmir “aufeinanderprallen”, gibt dem ganzen noch einen zusätzlichen Dreh. Ein Dreh, der den alten, mit Waffen geführten Konflikt darstellt und der in unserer Hochleistungspresse auch immer wieder thematisiert wird. Aber seltsamerweise muss man schon genau suchen, will man den eingangs erwähnten, viel bedeutenderen Konflikt zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, der Einfluss nicht nur auf diese Region, sondern auf die ganzen Welt hat, in Schlagzeilenform in unserer Hochleistungspresse finden.

Ein Beispiel gefällig?

Die meisten Leser dürften schon einmal von der Neuen Seidenstraße gehört haben, die Peking aufbauen will, mit deren Hilfe per Bahn Güter und Waren gen Westen und vice versa verbracht werden sollen. Dazu hat jetzt China mit dem Bau einer wichtigen Teilstrecke in Malaysia begonnen. Aber die wenigsten dürften wissen, dass Indien parallel dazu eine Autobahn nach Thailand baut, um diese Neue Seidenstraße “kontern zu können”.

Der “malayische Abschnitt der Neuen Seidenstraße” ist nicht nur irgendeine “Eisenbahn”, denn das als “East Coast Rail Link (ECRL)” bezeichnete Großprojekt umfasst den Bau eines 688 Kilometer langen neuen Schienennetzes und wird von den Experten als “verbindende Arterie von der malayischen West- zur Ostküste” angesehen. Mittels dieser neuen Verbindung wird die Reisezeit zwischen den Außenbezirken der Hauptstadt Kuala Lumpur und dem im Nordosten des Landes befindlichen Bundesstaat Kelantan um fast die Hälfte reduziert. Interessanterweise übernehmen chinesische Staatsfirmen nicht nur den Bau der Eisenbahnstrecke, sondern auch die Kosten in Höhe von geschätzten 13 Milliarden US-Dollar.

Warum aber tut Peking das? Warum baut China in einem fremden Land Infrastrukturen auf? Nach offiziellen Aussagen des Mitglieds den chinesischen Staatsrats Wang Yong deswegen:

China ist bereit, eng mit der malayischen Seite zusammenzuarbeiten und die Eisenbahnverbindung zu einem weiteren Meilensteinprojekt zu machen, um so dem Malaysiern so schnell wie möglich zu helfen und die regionale Entwicklung und den Wohlstand zu verwirklichen.

(China is willing to work closely with the Malaysian side and build the rail link into another landmark project so as to benefit the Malaysian people as soon as possible and help realize regional development and prosperity.)

Natürlich ist das staatliche Propaganda, aber nichtsdestotrotz der Wahrheit entsprechend.

Das ECRL-Projekt ist eines der “Vorzeigeprojekte” der bekannten Belt and Road Initative (BRI, Neue Seidenstraße). Die BRI ist das billionenschwere Großprojekt Chinas, das dem Land den Status einer über die Region hinausgehenden Großmacht zurückgeben soll, in dem man die Alte Seidenstraße ins 21. Jahrhundert transferiert. Dabei baut Peking auf die Teilprojekte “Silk Road Economic Belt” und “Maritime Silk Road” für die Unsummen an Geld bereit gestellt werden, um größeren Einfluss auf ganz Südostasien und Eurasien nehmen zu können. Die BRI ist dabei eine neue Form der Globalisierung (die Kommunistische Partei Chinas spricht übrigens selbst von “Globalisierung 2.0”) – angetrieben und angeführt von Peking.

Nun mag der Bau der Eisenbahntrasse für Malaysia großartig sein oder auch andere Projekt für andere Länder entlang der BRI. Aber es ist gleichzeitig eine besorgniserregende Entwicklung für die regionalen Rivalen Chinas, wie eben insbesondere Indien. Oder wussten Sie, dass es Indien ablehnte am ersten “Belt and Road Forum” in Peking Anfang des Jahres teilzunehmen, weil es Bedenken hatte, was den “Wirtschaftskorridor” China-Pakistan anbelangt, der 62 Milliarden US-Dollar schwer, Teil der BRI ist und der auch die umkämpfte Kashmir Region beinhaltet? Indiens Autobahnbau nach Thailand ist so etwas wie die Antwort auf die BRI und zeigt, wie die “Kriegskunst” im 21.Jahrhundert aussieht.

Das Autobahn-Projekt, Teil einer 4,7 Milliarden US-Dollar schweren Straßenbauinitiative Indiens, die vor zwei Jahren an den Start ging, ist genauso wie das chinesische Eisenbahnprojekt in Malaysia ambitioniert. So will Indien damit die Städte Manipur im Nordosten des Landes mit Mae-Sot in Westthailand (via Tamu in Myanmar) verbinden. Die Finanzierung des 256 Millionen US-Dollar teuren Baus wird übrigens durch einen Kredit der Asia Development Bank, dem “Rivalen” der chinesischen Asia Infrastructure Investment Bank finanziert.

Der Chefökonom der in Singapur ansässigen IHS Markit, Rajiv Biswas sagte dazu in einem Interview mit Bloomberg:

Wenn Indien Teil der Wachstumsdynamik von Asien sein will, muss es Infrastrukturverbindungen entwickeln und deshalb ist dieses Projekt ein sehr wichtiger erster Schritt.

(If India wants to be part of growth dynamic of Asia it needs to develop infrastructure links and that is why this project is a very important first step.)

Die Idee Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte als wichtigen Teil von Diplomatie und sogar regionaler Dominanz zu nutzen ist wahrlich nichts Neues. Aber Chinas Schritt in diese Richtung ist aufgrund der Geschichte Chinas etwas besonderes und zwingt andere regionale Spieler wie Indien zum Handeln. Bereits Muhammed al-Gaddafi sagte kurz vor seiner Ermordung durch Terroristen, die von der NATO unterstützt wurden, dass die Welt die Wahl zwischen zwei Optionen besitzt: die Wahl zwischen einer diplomatischen Dominanz (dem US-Ansatz, der auch den Einsatz von Soldaten und Waffen beinhaltet) und einem politischen Ansatz (wie in Peking verfolgt):

China belehrt die afrikanischen Länder nicht, was ihre Regierungssysteme anbelangt, die Menschenrechte, die Meinungsfreiheit, die gute Regierungsführung oder dergleichen. China stört niemals die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Es bringt keine Soldaten, Militärbasen oder Militärkommandos mit. Mehr als 600 chinesische Konzerne dringen tief in Afrika ein. Einige chinesische Gemeinschaften haben begonnen, sich in Afrika niederzulassen. Das ist Chinas weicher Ansatz.

Wegen diesen weichen Ansatz begrüßen die Afrikaner China herzlich. Das wird zweifellos der Vorteil Chinas sein. Afrikaner sind bzgl. den USA aufgrund deren harten Annäherung vorsichtig. Das ist ein Beweis für die Torheit der amerikanischen Politik.

(China does not lecture African countries about their system of government, human rights, freedom of expression, good governance or such like. China never interferes in the internal affairs of other states. It does not bring in soldiers, military bases or military command. More than 600 Chinese corporations are penetrating deep into Africa. Some Chinese communities have started to settle in Africa. This is China’s soft approach.

Because of that soft approach, Africans are welcoming China warmly. This will no doubt be to China’s benefit. Africans are wary of the US because of its harsh approach. This is proof of the folly of American policy.)

Wir müssen aber bei all dem immer im Hinterkopf behalten, dass die internationale “Superklasse”, die keinen Bezug zu irgendeinem bestimmten Land hat, alles daran setzt das US-Imperium als Machtinstrument einer globalen Dominanz durch einen multilateralen, vom IWF angeführten globalistischen “Sklavenstaat” zu ersetzen. Denn letztlich ist es doch so: wir befinden uns alle in einem manipulierten Spiel mit falschen Karten.

Quellen:
Highways Railways and Warfare in the 21st Century
China: Xi Jinping greets world leaders at Belt and Road Forum banquet
Phoney Opposition: The Truth About the BRICS
Strange Bedfellows: The India/Pakistan/China Triangle
Indian and Chinese troops clash in border dispute
Chinese-built mega railway begins construction in Malaysia
India Builds Highway to Thailand to Counter China’s Silk Road
China’s Trillion Dollar Gamble: The New Silk Road
Globalization 2.0: China Ushering in Newer, Shinier New World Order!
India skips China’s Belt and Road Forum summit ceremony
Cabinet approves SASEC Road Connectivity Investment Program – Tranche 2
Memorandum of Understanding for Strengthening Co-operation between Asian Development Bank and Asian Infrastructure Investment Bank
India Builds Highway to Thailand to Counter China’s Silk Road
The Brother Leader Addresses the Students of Oxford University Discussing the Issues Facing Africa in the Twenty-First Century
The Assassination of Gaddafi – GRTV Backgrounder


Ein Artikel bildet zwangsweise die Meinung eines Einzelnen ab. In Zeiten der Propaganda und Gegenpropaganda ist es daher umso wichtiger sich mit allen Informationen kritisch auseinander zu setzen. Dies gilt auch für die hier aufbereiteten Artikel, die nach besten Wissen und Gewissen verfasst sind. Um die Nachvollziehbarkeit der Informationen zu gewährleisten, werden alle Quellen, die in den Artikeln verwendet werden, am Ende aufgeführt. Es ist jeder eingeladen diese zu besuchen und sich ein eigenes Bild mit anderen Schlussfolgerungen zu machen.
www.konjunktion.info unterstützen:

Artikel teilen:

Scroll Up
Diese Website speichert einige Nutzerdaten wie Browserhersteller, Auflösung oder Seitenaufrufe. Diese Daten werden nach Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung erfasst (European General Data Protection Regulation).
Wenn Sie sich dazu entschließen, dass ein zukünftiges Tracking nicht erfolgen soll, wird ein Cookie in Ihrem Browser gesetzt, der diese Auswahl für ein Jahr berücksichtigt. Ich stimme der Datenerfassung zu. Ich möchte der Datenerfassung widersprechen.
827