Gastbeitrag: Böses Blut – Der sich verschärfende Handelskonflikt zwischen Japan und Südkorea

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Gastbeitrag - Bildquelle: Pixabay / tom69green; Pixabay License

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Während sich die Hochfinanzpresse auf den Handelskrieg zwischen den USA und China konzentriert, übergeht sie weitestgehend den sich zuspitzenden Handelskonflikt zwischen Japan und Südkorea. Dabei weisen die aktuellen Entwicklungen zwischen beiden Nationen unheimliche Ähnlichkeiten zu denen zwischen den USA und China auf und ihre Bedeutung innerhalb der aktuellen globalen Konjunkturschwäche sollte nicht übergangen werden.

Doch worum geht es? Der sich abzeichnende Einbruch der Handelsbeziehungen beider Nationen lässt sich auf ihre gemeinsame Vergangenheit zurückführen.

Das „böse Blut“: Die japanisch-koreanischen Beziehungen

Es war die geographische Lage der koreanischen Halbinsel, welche dazu beitrug, dass sie eine besondere Stellung innerhalb des Interessenbereich Japans einnahm. Sie bildete den idealen Brückenkopf für die geplante Expansion des japanischen Reiches in die Mandschurei und nach China, um an die dort vorhandenen Rohstoffe zu gelangen. Bereits im 16. Jahrhundert gab es Versuche japanischer Streitkräfte, die Herrschaft über Korea zu erlangen, welche eine Spur der Verwüstung hinterließen, letztlich jedoch scheiterten.

Es dauerte bis 1905, bevor Japan die Macht über Korea ausüben konnte, indem es dieses in ein Protektorat verwandelte. 1910 wurde Korea dann unter dem Namen Chōsen annektiert und zu einer japanischen Kolonie umgewandelt. Während der japanischen Besatzungszeit wurden Millionen Koreaner als Zwangsarbeiter eingesetzt. Die koreanische Kultur wurde unterdrückt und schätzungsweise 200.000 koreanische Frauen wurden zur Zwangsprostitution gezwungen und mussten als sogenannte „Trostfrauen“ in japanischen Militärbordellen als Sexsklaven dienen. Die Erinnerungen an diese Zeit sorgen bis heute für „böses Blut“ zwischen beiden Nationen und lassen wiederkehrend Spannungen entstehen.

Während eine Versöhnung zwischen Japan und Nordkorea bis heute nicht stattfand und auch in naher Zukunft als höchst unwahrscheinlich erscheint, konnte eine derartige, zumindest in Teilen, mit Südkorea erreicht werden. 1965 handelten Japan und Südkorea einen Grundlagenvertrag aus, welcher Südkorea 300 Millionen Dollar Aufbauhilfen und 200 Millionen Dollar günstiger Kredite von Seiten Japans zusprach. Auf japanischer Seite wird dieses Abkommen als Beilegung aller Kriegsverbrechensvorwürfe gesehen. Als endgültige Beilegung der Spannungen unterzeichneten Japan und Südkorea im Jahr 2015 ein Abkommen. Diesem folgend zahlte Japan eine Entschädigungssumme für die ehemaligen „Trostfrauen“ in Höhe von 8,2 Millionen Dollar an Südkorea, welches diese in eine „Stiftung zur Versöhnung und Heilung“ einzahlte. Südkorea bekannte sich dem Abkommen folgend, keine weiteren Entschuldigungen oder Wiedergutmachungen einzufordern.

Ebenfalls zu einer weiteren Annäherung hat die Einbindung Japans und Südkoreas in die Sicherheitsarchitektur der USA in Ostasien beigetragen. Auf Druck der USA hin wurde zudem im Jahr 2016 das GSOMIA-Abkommen zwischen beiden Staaten abgeschlossen, welches einen direkten Austausch militärischer und geheimdienstlicher Informationen vorsieht.

Vor allem in Südkorea wird wiederkehrend die japanische Herangehensweise an die Geschichte kritisiert. Im Gegensatz zu Deutschland hat sich Japan nie derartig „intensiv“ mit seiner Geschichte „auseinandergesetzt“. Japanische Kriegsverbrechen werden vielfach umgangen und finden in den Geschichtsbüchern wenig Platz. Sowohl in Japan wie auch in Südkorea herrscht ein weitverbreiteter Stolz auf die eigene Geschichte. So stehen in Seoul und Busan noch heute Statuen von Admiral Yi Sun-sin, welcher die japanischen Streitkräfte während des Imjin-Krieges von 1592 bis 1598 zurückgeschlagen hat. Nationalismus und Patriotismus haben in beiden Nationen eine andere, bei weitem stärkere Verbreitung und Verankerung in der Bevölkerung, als es bei uns hier in Europa der Fall ist. Die jeweiligen Regierungen wollen gegenüber ihrem eigenen Volk nicht als schwach erscheinen und sind bereit, Risiken in Wirtschaft und Handel in Kauf zu nehmen, um ihre Stellung und ihr Erscheinungsbild zu wahren und zu festigen. Um diesen Hintergrund sollte man wissen, um zu verstehen, wie es zu dieser raschen Negativentwicklung in den Beziehungen beider Staaten kommen konnte.

Das „böse Blut“ als treibende Kraft hinter dem Handelskonflikt

Im Oktober 2018 fasste das südkoreanische Verfassungsgericht den Beschluss, Privatklagen von Opfern des japanischen Kolonialismus nicht mehr auszuschließen. Infolge dessen kündigte Südkorea das Abkommen, welches die Entschuldigung und Entschädigung der Trostfrauen behandelt. Mit der Kündigung dieses Abkommens wurde auch die „Versöhnungsstiftung“ aufgelöst und Südkorea forderte eine offizielle Entschuldigung für die „Trostfrauen“ von Tokio. Des Weiteren kam es zu Verurteilungen mehrerer japanischer Unternehmen, wie Nippon Steel oder Mitsubishi, welche ehemaligen Zwangsarbeitern Entschädigungen zahlen sollten. Japan betrachtet die Kriegsverbrechensvorwürfe jedoch mit dem Abkommen von 1965 als beigelegt und verweist darauf, dass das Abkommen von 2015 irreversible sei. Dies führte zu einem Streit, welcher in der Kündigung des GSOMIA-Abkommens durch Südkorea mündete. Als Reaktion darauf strich Japan Südkorea von der „weißen Liste“ befreundeter Nationen, deren Einfuhren aus Japan keinen unfangreichen Exportkontrollen unterworfen sind. Südkorea antwortete einen Monat später mit genau demselben Schritt seinerseits. Japans Premierminister Shinzo Abe, welcher mittlerweile den Beinamen „Japans Trump“ erhalten hat, erwägt, den USA gleich, den Handel als Waffe einzusetzen. Dass die Mehrheit der Experten diesen Schritt als Beginn eines tatsächlichen Handelskrieges bezeichnet und auf die Gefahren für die Weltwirtschaft hindeuten tun, überrascht dabei nicht.

Die Folgen in einer globalen Welt

Hauptbetroffener der südkoreanisch-japanischen Handelsstreitigkeiten ist der weltweite Technologie- und Elektroniksektor. Die Verschärfung der Beschränkungen durch Japan, welche sich mit der Kontrolle von Chemikalien und Werkstoffen beim Export befassen, betreffen vor allem die Produktion von Displays und Halbleitern. Letztere befinden sich in beinahe jedem elektronischen Gerät wieder, wodurch Samsung und LG, aber auch das Silicon Valley, von diesem Schritt betroffen sein werden. Eine Kontrolle der entsprechenden Exporte kann bis zu 90 Tage in Anspruch nehmen.

Gemeinsam mit SK Hynix produziert Samsung 60 Prozent der weltweiten DRAM-Speicherchips. Sollte es aufgrund der neuen japanischen Vorschriften zu einem Engpass in der Lieferkette und so durch zu einem Mangel an Speicherchips kommen, könnte dies die aktuelle weltweite Konjunkturschwäche weiter anheizen. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Engpasses ist allerdings unter Experten umstritten.

Neben den wirtschaftlichen Folgen stellt dieser Handelsstreit auch eine Gefahr für die Hegemonie der USA in der Region dar. Südkoreas Präsident Moon Jae In ist seit längerem dabei, sich Nordkorea anzunähern und schlug eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Nationen vor, welche sich gegen die wirtschaftliche Überlegenheit Japans richtet. Infolge des Handelskonfliktes meinte Moon Jae In, dass Japan Verbündeter der USA sei, jedoch nicht von Südkorea. Die Kündigung des GSOMIA-Abkommens ist ein weiterer Schritt in Richtung Entfremdung und lässt die US-Sicherheitsarchitektur in Ostasien bröckeln. Sollten sich beide Staaten im Handel wie auch in der Diplomatie weiter voneinander entfernen, könnte dies das US-Bündnissystem in Ostasien zerschlagen und Südkorea näher in Richtung China treiben. Ob die sich bis jetzt raushaltenden USA hierbei nur Zuschauer bleiben, ist unwahrscheinlich. Sollten sie eingreifen, müssen sie jedoch vorsichtig mit beiden Parteien umgehen. Wenn sie sich auf die Seite Japans stellen, würden sie Südkorea verärgern und schlimmstenfalls in die Arme Chinas treiben. Und wenn sie Südkorea in dessen Forderungen unterstützen, würden die USA die pro-US-amerikanische Regierung in Tokio verärgern. Der einzige Weg, diesen Konflikt erfolgreich zu beenden, bestünde darin, dass Japan die südkoreanischen Forderungen nach Wiedergutmachung und Entschuldigung anerkennt und entsprechend umsetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies eintritt, ist jedoch gegenwärtig wie auch zukünftig nicht absehbar.

Conclusio

Ein weiteres Mal wird dem Narrativ, dass Nationalismus und Patriotismus in Konflikten und Krisen münden würden, Nahrung verabreicht. Zum Schluss wird es wieder einmal der „normale“ Bürger sein, welcher die Kosten für alles zu tragen haben wird. Es bleibt abzuwarten, wie die weiteren Entwicklungen ablaufen werden und ob die USA, oder eine andere Nation oder Institution, als Vermittler einspringen werden. Zu guter Letzt bleibt wieder einmal die Frage nach den Nutznießern. An dieser Stelle werden wir wohl das global(istisch)e Establishment wiederfinden, welches in dem Handelskonflikt und den dahinter stehenden nationalistischen Regierungen weitere Schuldige ausmachen wird, welche für die derzeitige Rezession eine Mitverantwortung tragen, unabhängig davon, welche Folgen dieser Handelskonflikt wirklich mit sich bringt. Und vielleicht würden sie auch von einem Zerbrechen der ostasiatischen US-Bündnisarchitektur und einer Annäherung Südkoreas an China profitieren. Vielleicht ist dies sogar ihr Ziel, um eine Blockkonstellation, ähnlich George Orwells, zu schaffen.

Abseits von dem: Vergangenheitsbewältigung gehört mit zu den wichtigsten Aufgaben einer jeden Gesellschaft. Nur so lassen sich Lehren ziehen, um künftige Konflikte und Krisen vorhersehend (insofern möglich) aufzuhalten bzw. vorzubeugen. Dabei ist es allerdings immer von Bedeutung, die tatsächlichen Fakten zu betrachten, falsche Fakten herauszufiltern und objektiv zu urteilen (insofern dies überhaupt möglich ist). Alles andere, also das Ignorieren von Fakten, Beharren auf seiner eigenen Meinung oder das Vertreten der Ansicht, es gäbe nur die „eine“ Wahrheit, dient lediglich der ideologischen und politischen Verführung, um den Interessen weniger dienlich zu sein. Es ist von höchster Bedeutung, dass wir alle Fakten/Informationen, die uns zur Verfügung stehen, von ganz links bis ganz rechts, betrachten. Denn nur so sind wir in der Lage, ein, soweit es möglich ist, neutrales Bild zu erhalten.

In diesem Sinne: Seid wachsam!

Quellen:
Wenn keiner nachgeben will: Japan und Südkorea stehen vor gefährlichem Handelskrieg
Handelsstreit zwischen Japan und Südkorea eskaliert
Japan: China könnte der größte Gewinner sein
South Korean Court Tells Japanese Company to Pay for Forced Labor
South Korean Court Orders Mitsubishi of Japan to Pay to Forced Wartime Labor
Korea and Japan Clash Over History and Law
South Korea warns Japan of security pact risk, calls off “cooling-off” in trade row
The escalating trade war between South Korea and Japan, explained


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