Systemfrage: Haben wir noch einen freien Willen? Nicht wenn es nach Google, Facebook und Co. geht

Google - Bildquelle: Pixabay / 377053; Pixabay License

Google – Bildquelle: Pixabay / 377053; Pixabay License

Die Frage, ob Menschen einen freien Willen haben, hat die Philosophen seit Jahrhunderten beschäftigt und zu tief schürfenden Diskussionen geführt. Dabei dürften die Folgen einer Antwort auf diese Frage noch schwerer wiegen als die Frage per se. Denn wenn der Mensch keinen freien Willen besitzt, kann es dann überhaupt eine moralische Verantwortlichkeit geben?

Zum Glück gibt es im Silicon Valley eine Handvoll an IT-Giganten, die uns auf diese Frage eine Antwort geben können. Oder zumindest glauben, dass sie uns eine geben können…

Der geneigte Leser wird sich jetzt sicherlich die Frage stellen, worüber ich da gerade schreibe? Um diese Frage zu beantworten, sollten wir uns kurz einer Radiodiskussion auf Declare Your Independence zwischen Ernie Hancock und Paul Rosenberg zuwenden, in der es um die Online-Zensur im Zuge des Amoklaufes in Christchurch ging, die sich just am Ende um die eingangs gestellte Frage drehte:

Man muss seine Daten schützen, um seinen freien Willen zu schützen. Es tut mir leid, wenn das dramatisch klingt. Es tut mir leid, wenn das klingt, als würde ich versuchen, verängstigend zu sein und all das, aber das ist einfach die Wahrheit und jemand sollte es sagen!

(You need to protect your data to protect your own free will. I’m sorry if that sounds dramatic. I’m sorry if that sounds like I’m trying to be scary and all that, but that’s just the truth and somebody should say it!)

Rosenberg zieht im Interview eine Verbindungslinie zwischen der Online-Zensur und dem Ende des freien Willens, in dem er “Google’s Selfish Ledger (Google’s egoistisches Handbuch)” als Referenz heranzieht.

“Google’s Selfish Ledger (Google’s egoistisches Handbuch)”? Ich sehe förmlich die Fragezeichen in den Augen meiner Leser. Auch ich konnte bis vor Kurzem mit diesem Begriff nichts anfangen. Daher empfehle ich im Folgenden sich zuerst das entsprechende Video anzuschauen. Dieses Video stammt aus internen Quellen von Google und wurde im letzten Jahr über The Verge an die Öffentlichkeit gespielt und… Nun ja, sehen Sie selbst:

Rosenberg umschreibt den Inhalt des Videos wie folgt:

+ Google betrachtet Sie als “vorübergehenden Träger”. Das heißt, die von Ihnen erzeugten Daten sind das wesentliche Wesen und Sie sind nur ein “Container”.
+ Sie sollten Ihr Handbuch (Ihr wichtigstes Selbst) nicht wirklich besitzen, und sie [Google] sollten Informationen in Ihr Leben einfügen.
+ Google wird das auswählen, was Sie möchten, und ändert Ihr Verhalten entsprechend. Wie? Indem Sie neue Optionen anbieten oder sogar benutzerdefinierte Geräte entwerfen, denen Sie nicht widerstehen können. Sie sorgen dafür, dass “Ihr Verhalten” “geändert” wird.
+ Wenn Ihnen das unheimlich erscheint, machen Sie sich keine Sorgen. Sie werden sich im Laufe der Zeit daran gewöhnen.
+ Google führt Sie dahin, was für Sie am besten ist. Sie können ihnen vertrauen. Sie lieben uns und wissen, was für uns alle am besten ist.
+ Dies ist keine Übertreibung. Dies ist buchstäblich die Botschaft des Videos.

(+ Google sees you as a “transient carrier.” That is, the data you produce is the essential being, and you’re a mere “container.”
+ You shouldn’t really own your ledger (your most essential self), and they should insert information into your life.
+ Google will choose what you should want and will modify your behavior accordingly. How? By offering you new options or even designing custom devices that you won’t be able to resist. They will make sure “your behavior” is “modified.”
+ If this seems creepy to you, don’t worry; you’ll warm up to it over time.
+ Google will guide you to what’s best for you. You can trust them; they love us and know what’s best for us all.
+ This is not an exaggeration. This is literally the message of the video.)

Ob Sie nun daran glauben nur ein “Container” zu sein, der als “vorübergehender Träger” von Daten fungiert, oder doch ein freier Mensch mit einer Seele, sollte das Video und die Vorstellungen Googles jeden von uns zu denken geben. Es ist eine Tatsache, dass wir als Mensch durch unsere Erfahrungen/Erfahrungswerte geformt werden. Und unsere zurückliegenden Erfahrungen (also jene Daten, die Google aufzeichnet) helfen uns dabei zukünftige Herausforderungen besser meistern zu können.

Im Laufe der Zeit und mit genügend analytischer Rechenleistung kann jemand die von uns erzeugte Datenspur (wo wir waren; welche Menschen wir getroffen haben, Dinge, die wir gekauft haben; Gespräche, die wir geführt haben;…) dazu nutzen, um nicht nur unser Verhalten in der Zukunft vorauszusagen, sondern derjenige wird sogar bestimmen, warum wir genau so reagieren und handeln, wie wir es dann tun. Und wenn derjenige dieses Wissen hat, dann ist es nicht besonders schwierig dieses Wissen so einzusetzen, dass er uns in eine bestimmte Richtung lenkt. Nach und nach werden wir – wenn wir dazu gebracht werden können bestimmte Dinge entlang eines bestimmten Pfades zu tun – eine vorbestimmte Richtung einschlagen, die wir selbst so nie gesucht hätten.

Wenn wir also nichts weiter als biologische Roboter sind, die auf bestimmte Stimuli entlang eines vorhersagbaren Pfades reagieren, dann kann man unsere Software mittels einer “externen Quelle” reprogrammieren, die diese Stimuli abgestimmt auf die jeweilige Person erzeugt. Und wie das Video von Google zeigt, will Google eine dieser “Quellen” sein.

Man könnte jetzt davon ausgehen, dass es nur die Idee von Google wäre – schließlich stammt das Video aus dem Inneren des Internetgiganten. Aber das ist nicht der Fall. Alle großen Technologieunternehmen setzen auf ähnliche Prinizipen und Vorgehensweisen.

Genau deswegen führen Firmen wie Facebook ihr unrühmliches “Mood Experiment” durch, um zu lernen, wie man mit Hilfe des individuellen Nachrichtenstroms (News Feed) die Gefühle und Stimmung einer Person verändern kann. Deswegen blockiert Instagram “Antiimpf”-Hashtags. Deswegen sammeln Twitter, Facebook, Amazon, Apple und wie sie alle heißen laufend Unmengen an Daten, selbst von Nichtnutzern ihrer Angebote.

Wir werden gerade neu geformt, unsere Erfahrungen werden neu ausgerichtet, uns werden immer mehr Entscheidungen “abgenommen”. Und ob man nun an das Konzept des freien Willens glaubt oder nicht, es kann keinen Zweifel mehr daran geben, dass sich die Zellentüren in unseren durchtechnologisierten Gefängnissen schließen, während wir immer weniger zu sagen und zu entscheiden haben.

Aber was können wir gegen diese Beeinflussung und Lenkungsabsicht tun?

Zum einen müssen wir endlich begreifen, dass wir das Thema der Online-Privatsphäre viel viel, ernster nehmen müssen und diesen Unternehmen nicht mehr freiwillig den “ganzen Datenstrauß” an die Hand geben, der uns identifizier- und trackbar macht. Leider ist das mit großem Aufwand verbunden, der viele abschrecken wird.

Wir können versuchen uns “technologisch abzukoppeln”. Das heißt, einmal das Smartphone auch zu Hause lassen anstatt es überall hin mitzunehmen. Wir können unsere Zugänge auf den Sozialen Netzen löschen. Wir können wieder vielmehr den persönlichen, Vor-Ort Kontakt suchen. Leider ist es aber auch hier so, dass immer mehr Tätigkeiten (v.a. auch beruflich) darauf beruhen, dass wir online sind und die diversen Werkzeuge einsetzen, die man eigentlich vermeiden sollte.

Wir können die kleinen Dinge tun, die dabei helfen der Kontrolle ein Ende zu setzen. Wir können den Klick auf das “nächste empfohlene Video” nicht tun oder “das könnte Sie auch interessieren” links liegen lassen. Wir können irgendwelche Benachrichtigungen abschalten. Wir können die Übermittlung der GPS-Daten ausschalten. Wir können damit aufhören, jede Suche mit Google durchzuführen oder uns mittels Kopfhörer von der Außenwelt abzuschotten. Nur machen diese kleinen Dinge am Ende wirklich einen Unterschied?

Oder sind selbst diese kleinen Dinge nicht mehr von uns beeinflussbar? Eine kürzliche Studie des MIT hat aufgezeigt, dass bereits die DNA einer kleinen Pesonengruppe ausreicht, um die Beziehungen innerhalb einer ganzen Bevölkerung nachweisen und aufzeigen zu können. Analog dazu muss man nicht einmal selbst bei Facebook sein, damit Zuckerberg und Co. alles über einen wissen; solange Ihre Bekannten und Freunde (dabei reicht ein kleiner Bruchteil bereits aus) das Soziale Netzwerk nutzen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass auch Sie in der Datenbank von Facebook als “Schattenprofil” zu finden sind.

Ergo sind wir alle irgendwie in der Matrix gefangen – außer man lebt im sprichwörtlichen Haus im Wald. Und solange die Gesellschaft nicht damit beginnt das Ganze zu hinterfragen und Antworten auf die Frage nach Autonomie und dem freien Willen in Zeiten der Totalüberwachung sucht, solange ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass unsere Kinder nichts weiter als jene “vorübergehenden Träger” und “Container” von Daten sind, die den großen Technologieunternehmen vorschweben.

Quellen:
Do Humans Have Free Will? Not If Big Tech Wins!
Website – Freedom’S Phoenix
Website – Free-Man’s Prespective
Google’s The Selfish Ledger (leaked internal video)
Google’s Selfish Ledger is an unsettling vision of Silicon Valley social engineering
Google’s Mendacity: The Selfish Ledger Decyphered
Everything We Know About Facebook’s Secret Mood Manipulation Experiment
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